Berlin, April 2026 – Die deutsche Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz diskutiert interne Pläne zur Reform der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Berichten zufolge stehen Maßnahmen wie die Wiedereinführung eines Karenztages sowie eine mögliche Verkürzung der sechswöchigen Arbeitgeberzahlungspflicht im Raum. Ziel ist es, den als zu hoch empfundenen Krankenstand zu senken und Unternehmen finanziell zu entlasten. Die Vorschläge stoßen auf breite Kritik, da sie vor allem Arbeitnehmer belasten könnten, während strukturelle Probleme im öffentlichen Dienst und bei den Ausgaben des Staates weniger thematisiert werden.

Bundeskanzler Merz hatte bereits im Wahlkampf 2025 den durchschnittlichen Krankenstand kritisiert. Er sprach von rund 14,5 Krankentagen pro Beschäftigtem und fragte öffentlich: „Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“ Aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes für 2024 bestätigen einen Durchschnitt von 14,8 Krankheitstagen bei Arbeitnehmern. Im Vergleich zu früheren Jahren ist dies ein Anstieg, der unter anderem mit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und Nachwirkungen der Pandemie in Verbindung gebracht wird.
Laut Berichten der Bild-Zeitung und anderen Medien prüfen Union und SPD in vertraulichen Gesprächen mehrere Optionen. Dazu gehört der Karenztag, bei dem Arbeitnehmer am ersten Krankheitstag keinen Lohn erhalten würden. Weitere Überlegungen umfassen eine Verkürzung der Lohnfortzahlungsdauer von sechs auf möglicherweise vier Wochen sowie Regelungen, wonach Arbeitgeber nur einmal pro Jahr zur vollen Fortzahlung verpflichtet wären. Solche Schritte sollen Fehlanreize reduzieren und die Kosten für Betriebe senken, die unter dem hohen Krankenstand leiden.
Kritiker weisen jedoch auf Ungleichheiten hin. Während private Arbeitnehmer im Schnitt 14,8 Tage fehlen, liegen die Werte im öffentlichen Dienst teilweise deutlich höher. In Berlin meldeten Beschäftigte im öffentlichen Dienst 2024 im Durchschnitt 36,8 Kalendertage krank, was etwa 26 Arbeitstagen entspricht. Beamte in der Berliner Verwaltung waren sogar noch häufiger abwesend als angestellte Kollegen. Auch bundesweit lagen die Fehlzeiten in Bundesbehörden 2024 bei durchschnittlich 15,2 Tagen, in manchen Institutionen wie dem Bundesrat oder dem Bundestag noch höher.
Die Lohnfortzahlung unterscheidet sich zudem stark: Private Arbeitnehmer erhalten in den ersten sechs Wochen volles Gehalt vom Arbeitgeber, danach übernimmt die Krankenkasse in der Regel 70 Prozent des Nettogehalts. Beamte hingegen genießen in vielen Fällen eine weitaus großzügigere Regelung, die über längere Zeiträume hinweg nahezu das volle Nettogehalt sichert. Befürworter einer Reform argumentieren, dass eine Gleichbehandlung notwendig sei, bevor weitere Belastungen für die Privatwirtschaft diskutiert werden.
Hinzu kommt die finanzielle Lage der gesetzlichen Krankenkassen. Diese kämpfen mit Defiziten, die durch hohe Ausgaben und strukturelle Herausforderungen entstehen. Gleichzeitig fließen erhebliche Summen in andere Bereiche des Bundeshaushalts. Deutschland bleibt einer der weltweit größten Geber von Entwicklungshilfe. Im Jahr 2025 lagen die Ausgaben bei rund 26 bis 30 Milliarden Euro, wobei ein Teil auf die Versorgung von Geflüchteten im Inland entfiel. Die Regierung positioniert sich hier als international verantwortungsvoll, doch Stimmen aus der Wirtschaft und Teilen der Bevölkerung fragen, ob solche Ausgaben priorisiert werden sollten, während im Inland bei Leistungsträgern gespart wird.
Die Debatte berührt grundlegende Fragen der Fairness im Steuer- und Sozialsystem. Deutschland verfügt nach wie vor über eine vergleichsweise kleine Gruppe von Nettosteuerzahlern – Schätzungen sprechen von etwa 15 Millionen Personen, die den Großteil der Steuereinnahmen tragen. Steuererhöhungen für Unternehmen und Erbschaftsteuerpläne stoßen bei diesen Gruppen auf Widerstand. Zudem haben sich Spritpreise trotz temporärer Maßnahmen wie der Mineralölsteuersenkung nicht dauerhaft entspannt, was die Belastung für Pendler und den Mittelstand weiter erhöht.
Befürworter der Reform verweisen darauf, dass ein hoher Krankenstand die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands beeinträchtige. Unternehmen klagen über Produktionsausfälle und bürokratischen Aufwand. Gegner warnen vor negativen Folgen: Ein Karenztag könnte dazu führen, dass Erkrankte trotz Ansteckungsgefahr zur Arbeit erscheinen, was die Ausbreitung von Infekten begünstigt. Zudem würde die zusätzliche Bürokratie für Personalabteilungen und Buchhaltung die Belastung eher erhöhen als senken. Praktische Fragen bleiben offen: Wie genau soll ein einzelner Krankheitstag ohne Attest nachgewiesen werden? Und was passiert, wenn jemand nach einem Tag Arbeit erneut erkrankt?
Die Regierung betont, dass es sich derzeit um interne Diskussionen handelt und noch keine finalen Beschlüsse vorliegen. Eine große Sozialstaatsreform im Gesundheitsbereich ist für 2026 angekündigt, um Beitragserhöhungen zu vermeiden. Merz hat wiederholt Entlastungen für die arbeitende Mitte versprochen, darunter steuerfreie Überstundenzuschläge und eine Senkung der Einkommensteuer. Gleichzeitig steht die Koalition unter Druck, die Haushaltslage zu stabilisieren.
Die Pläne werfen ein Licht auf tiefere Probleme: Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, bürokratische Überlastung und demografische Entwicklungen tragen zum Krankenstand bei. Viele Beschäftigte berichten von Stress, Überstunden und dem Gefühl, dass Leistung nicht ausreichend honoriert wird. Eine reine Kürzung der Lohnfortzahlung greift nach Ansicht von Kritikern zu kurz, solange nicht auch im öffentlichen Dienst und bei den Ausgabenprioritäten des Staates angesetzt wird.
Die Debatte wird voraussichtlich in den kommenden Wochen intensiver geführt werden. Arbeitgeberverbände fordern Entlastung, Gewerkschaften warnen vor einem Abbau von Arbeitnehmerrechten. Für die rund 15 Millionen Nettosteuerzahler und die mittelständischen Unternehmen, die den Wirtschaftsmotor am Laufen halten, steht viel auf dem Spiel. Ob die Reformen zu mehr Gerechtigkeit oder zu neuer Ungleichheit führen, wird sich zeigen.
Unter dem Strich geht es um die Balance zwischen notwendiger Konsolidierung und sozialer Fairness. In einer Zeit wirtschaftlicher Herausforderungen muss die Politik erklären, warum bestimmte Gruppen stärker belastet werden als andere. Eine ausgewogene Herangehensweise, die alle Sektoren einbezieht, könnte das Vertrauen in die Politik stärken – einseitige Maßnahmen riskieren das Gegenteil.