München/Nürnberg – Die Debatte über längere Arbeitszeiten in Deutschland hat eine neue, emotionale Ebene erreicht. In einer Diskussionsrunde des Bayerischen Rundfunks stellte sich CSU-Generalsekretär Martin Huber der Kritik von Arbeitnehmern, Gewerkschaftern und Experten. Huber hatte zuvor für mehr Flexibilität und eine Ausweitung der Arbeitszeit plädiert, um den Wirtschaftsstandort zu stärken. Die Reaktionen aus der Praxis fielen deutlich aus.

Bernd Fitzenberger, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) an der Bundesagentur für Arbeit, warnte vor pauschalen Forderungen. Zwar liege die Arbeitszeit Vollzeitbeschäftigter in Deutschland unter dem Niveau vieler anderer europäischer Länder, doch die hohe Teilzeitquote – vor allem bei Frauen – trage zu einer hohen Gesamtbeschäftigungsquote bei.
Eine erzwungene Ausweitung auf Vollzeit könne kontraproduktiv wirken, da fehlende Betreuungsplätze für Kinder oder Pflegebedürftige viele Menschen aus dem Erwerbsleben drängen würden. Fitzenberger verwies auf ein gescheitertes Experiment in Frankreich, bei dem der Versuch, Teilzeitkräfte zu mehr Stunden zu bewegen, teilweise zum gegenteiligen Effekt führte.
Stefan Doll vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) kritisierte die Debatte als realitätsfern. Die Menschen in Deutschland arbeiteten so viel wie nie, die Gesamtarbeitsstunden seien auf Rekordniveau. Statt pauschaler Vorwürfe des „Blaumachens“ oder der Faulheit müsse man über bessere Rahmenbedingungen sprechen, etwa ein bayerisches Vergabegesetz, das Tarifbindung bei öffentlichen Aufträgen stärkt. Doll betonte den Gesundheitsschutz des Acht-Stunden-Tages und verwies auf steigende psychische Erkrankungen durch Belastungen am Arbeitsplatz.
Praktiker aus dem Handwerk und der Industrie schilderten ihre Lebensrealität. Ein Malermeister aus Oberfranken berichtete, dass körperlich schwere Arbeit bei Wind und Wetter bereits 40 Stunden pro Woche an die Grenzen führe. Eine Ausweitung sei für viele Mitarbeiter nicht machbar.
Ein Elektromeister erklärte, dass in Familienbetrieben ohnehin Selbstreinigungseffekte gegen Fehlzeiten wirkten, doch höhere Steuern und Abgaben machten zusätzliche Stunden oft unattraktiv – netto blieben von zwei Überstunden bei 30–40 Euro Stundenlohn oft nur wenig übrig.
Ein Techniker aus der Sicherheitsbranche plädierte für das 40-Stunden-Modell als gesundes Maß, betonte aber, dass bei Auftragsspitzen Mehrarbeit selbstverständlich sei. Er kritisierte zugleich Missbrauch bei Krankschreibungen und forderte strengere Regeln, etwa die Abschaffung telefonischer Atteste. Ein Betriebsrat vom Flughafen Nürnberg wandte sich direkt an Huber: Viele junge Menschen im Mindestlohn-Bereich könnten sich eine Ausweitung auf über 40 Stunden kaum leisten, geschweige denn bis 70 arbeiten. Er selbst, mit 62 Jahren und nach einem schweren Unfall, werde ausgesteuert und finde keine Umschulung mehr. Die Frage nach Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf blieb zentral.
Huber hielt dagegen, dass Deutschland mit rund 1.300 Jahresarbeitsstunden pro Beschäftigtem deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von etwa 1.700 Stunden liege. Die Lebensarbeitszeit betrage in Deutschland etwa 52.000 Stunden gegenüber 57.000 im EU-Durchschnitt. Er sprach sich für Flexibilisierung aus – weg von der täglichen Höchstgrenze hin zu einer wöchentlichen Regelung –, um den Standort wettbewerbsfähig zu halten. Die Debatte dürfe nicht emotional geführt werden, sondern müsse die gesamtwirtschaftliche Herausforderung in den Blick nehmen.
Die Runde machte deutlich, dass die Diskussion um Arbeitszeit nicht eindimensional ist. Experten und Praktiker warnten vor einer pauschalen „Mehr-Arbeit“-Rhetorik, die gesundheitliche Belastungen, familiäre Zwänge und branchenspezifische Unterschiede ignoriere. Gleichzeitig herrscht Einigkeit, dass der demografische Wandel und der Fachkräftemangel Handlungsbedarf schaffen. Lösungsansätze wie mehr Kita-Plätze, bessere Pflegeinfrastruktur und echte Entlastung bei Steuern und Abgaben wurden gefordert, statt allein auf längere Arbeitszeiten zu setzen.
Die Debatte spiegelt eine breitere gesellschaftliche Auseinandersetzung wider. Während Arbeitgeberverbände und Teile der Union mehr Flexibilität und Volumen fordern, betonen Gewerkschaften und viele Beschäftigte den Schutz der Gesundheit und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte in der Vergangenheit das Arbeitszeitgesetz als Beispiel für Überregulierung genannt. Die aktuelle Diskussion zeigt jedoch, wie sensibel das Thema in der Bevölkerung ist.
Ob die Politik die Stimmen aus der Praxis aufnimmt oder weiter auf pauschale Reformen setzt, bleibt abzuwarten. Klar ist: Die Menschen, die jeden Tag die Wirtschaft am Laufen halten, fühlen sich von manchen Vorschlägen aus Berlin und München nicht verstanden. Eine Lösung, die sowohl wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit als auch soziale Realität berücksichtigt, erfordert mehr als nur längere Arbeitszeiten.