Eins gegen Fünfundzwanzig: Der Gipfel der Ohnmacht in Brüssel.thuynga

BRÜSSEL – Es war ein Moment, der die architektonische Stabilität der europäischen Institutionen in ihren Grundfesten erschütterte. Neunzig Minuten lang redeten fünfundzwanzig Staats- und Regierungschefs in einem geschlossenen Raum auf einen einzigen Mann ein: Viktor Orbán. Unter der Leitung von Kanzler Friedrich Merz, flankiert von Emmanuel Macron und Ursula von der Leyen, wurde das gesamte diplomatische Arsenal der Union aufgefahren – von sanfter Überredung bis hin zu unverhohlenen Drohungen. Doch als der ungarische Ministerpräsident schließlich das Wort ergriff, antwortete er mit einer Kürze, die das politische Brüssel in Panik versetzte: Ein schlichtes „Nein“. Damit scheiterte nicht nur ein Gipfel; es offenbarte sich die operative Handlungsunfähigkeit einer Union, die ihre eigene Einstimmigkeit als Geisel hält.

Kanzler Friedrich Merz gab sich am nächsten Morgen kämpferisch, doch seine Worte wirkten seltsam hohl. Er sprach von „Konsequenzen, die weit über dieses Einzelereignis hinausgehen“, blieb jedoch jede konkrete Maßnahme schuldig. Keine Fristen, keine Sanktionen, nur die vage Androhung einer institutionellen Vergeltung. Orbán konterte prompt: Ungarn lasse sich nicht erpressen – weder von Brüssel noch von Berlin. Er verwies auf die zerstörte Druschba-Pipeline und die gefährdete Energiesicherheit seines Landes. Während Merz von Bündnistreue spricht, beharrt Budapest darauf, dass sich die Geschäftsgrundlage für die im Dezember getroffenen Zusagen durch die physische Zerstörung der Infrastruktur fundamental geändert habe.

Le chancelier Merz n'a pas exclu un retour au service militaire obligatoire  en Allemagne.

Das Vakuum der Macht

Die Rhetorik der EU-Spitze wirkt in diesen Tagen wie ein Pfeifen im dunklen Wald. Ratspräsident Antonio Costa proklamierte, niemand könne die Union erpressen, während Macron betonte, es gebe keinen „Plan B“. Doch genau hier liegt das Paradoxon: Wer behauptet, keine Alternative zu haben, gesteht seine eigene Schwäche ein. Die Drohung von Ursula von der Leyen – „Wir werden liefern, so oder so“ – klingt nach vier gescheiterten Gipfelrunden seit Dezember eher wie ein Echo der Verzweiflung als wie ein Versprechen der Stärke. Das System der EU scheitert derzeit live vor den Augen der Weltöffentlichkeit, weil ein einzelner Mann die Mechanik der Konsensfindung blockiert.

Hinter den Kulissen sickert die bittere Realität durch: Ein „Plan B“ ist laut diplomatischen Quellen nahezu ausgeschlossen, da er Gesetzesänderungen in jedem einzelnen Mitgliedstaat erfordern würde. Die Ukraine, die händringend um weitere 90 Milliarden Euro bittet, steht laut Finanzanalysten bis Mai vor dem Bankrott. Wenn Brüssel nun von „Kreativität“ spricht, ist das der diplomatische Code für nackte Ratlosigkeit. Der nächste Gipfel Ende April könnte bereits zu spät kommen, um den finanziellen Kollaps Kiews abzuwenden.

Öl, Preise und die kroatische Wahrheit

Während das offizielle Narrativ der EU Orbán rein politische Motive unterstellt, kam die Entlarvung dieser Sichtweise ausgerechnet aus Zagreb. Der kroatische Premierminister Andrej Plenković stellte trocken fest, dass es schlicht um den Ölpreis gehe. Russisches Öl über die Druschba-Pipeline ist rund 30 Prozent billiger als die Alternativen über den kroatischen Adria-Hafen. Die EU bietet zwar technische Hilfe bei der Reparatur der Pipeline an, schweigt jedoch zu der massiven Preisdifferenz, die Ungarn und die Slowakei bei einem Umstieg tragen müssten. Es ist diese ökonomische Realität, die Orbáns Veto unterfüttert.

Verschärft wird die Lage durch die Haltung Kiews. Nur einen Tag vor dem Gipfel verweigerte die Ukraine EU-Experten den Zugang zur beschädigten Pipeline. Gleichzeitig droht der slowakische Regierungschef Robert Fico nun offen damit, keine Abschlussdokumente mehr mitzutragen, die die Ukraine betreffen, solange Kiew wirtschaftlichen Schaden in seinem Land anrichtet. Die Slowakei hat bereits Strom- und Diesellieferungen gestoppt. Ficos Satz bringt die Stimmung in Osteuropa auf den Punkt: Die Beziehungen seien keine Einbahnstraße, in der eine Seite alles schuldet und die andere nur fordert.

Friedrich Merz wants Berlin to be a geopolitical hub. Will German voters  reward him? | Friedrich Merz | The Guardian

Die Demütigung aus Moskau

Während Brüssel intern zerfällt, kommt die diplomatische Demütigung aus Moskau. Kremlsprecher Peskow erklärte kühl, man halte eine Rückkehr der Europäer an den Verhandlungstisch derzeit für „weder notwendig noch zweckmäßig“. In einer Zeit, in der die EU um Kredite für die Ukraine streitet, wird sie von der geopolitischen Konkurrenz schlicht für irrelevant erklärt. Das ist das Ergebnis einer Politik, die Drohungen ausstößt, welche sie mangels Einstimmigkeit niemals wahrmachen kann.

In Deutschland eskaliert derweil die innenpolitische Debatte. Während die Energiepreise seit dem Iran-Eklat um 44 Prozent gestiegen sind und der Mittelstand unter den Kosten ächzt, bietet Kanzler Merz Sicherheitsleistungen für eingefrorene russische Milliarden an – eine Summe von rund 35 Milliarden Euro, die im Zweifelsfall direkt aus dem deutschen Haushalt gedeckt werden müsste. Für Marode Schulen oder die Bekämpfung von Altersarmut fehlt angeblich das Geld, doch für die Fortführung des finanziellen Engagements in der Ukraine scheint der Spielraum unbegrenzt.

 

Der Haushalt als neuer Zankapfel

Um die finanziellen Löcher zu stopfen, plant die Kommission bereits den nächsten Paukenschlag: Der Sieben-Jahres-Haushalt soll von 1,2 auf 2 Billionen Euro aufgeblasen werden. Die Begründung folgt bekannten Schlagworten: Inflation, Verteidigung, Digitalisierung. Am Ende wird Deutschland erneut die höchste Rechnung präsentiert bekommen. Orbán wird in diesem Kontext für viele zum „letzten Damm“ gegen eine Schuldenvergemeinschaftung, die Europa nach Meinung von Kritikern in den Abgrund führt.

Die politische Linke und die Altparteien reagieren mit dem Vorwurf des Putin-Verstehertums, doch die Fragen nach Rechenschaft und nationaler Souveränität lassen sich nicht mehr einfach wegwischen. Ohne Orbáns Veto wären diese Milliarden längst ohne echte Kontrolle durchgewinkt worden. Ungarn schützt seine Bürger vor dem Preisanstieg, während die deutsche Regierung Gaspreisdeckel ablehnt. Es ist ein bizarrer Zustand, in dem ein ungarischer Regierungschef für viele deutsche Steuerzahler zur einzigen Bremse gegen eine uferlose Ausgabenpolitik geworden ist.

Bà Von der Leyen tự tin tái đắc cử Chủ tịch Ủy ban châu Âu

Fazit: Europa am Scheideweg

Die EU steht vor einer Zerreißprobe, die weit über Viktor Orbán hinausgeht. Es geht um die Frage, ob nationale Souveränität in einem zentralistischen System überhaupt noch existieren darf. Orbáns Blockade wirkt wie ein Rettungsanker für all jene, die eine Entmachtung nationaler Parlamente fürchten. Der Gipfel in Brüssel hat gezeigt: 25 Länder erreichen weniger als ein einzelner Mann, der die Wahrheit über die Dysfunktionalität des Systems ausspricht.

Der April-Gipfel wird zeigen, ob die EU zu einer echten Reform fähig ist oder ob sie sich in weiteren leeren Drohungen verliert. Die Zeit läuft ab, und die Ukraine ist nicht das einzige System, das vor dem Bankrott steht.

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